Anästhesie, Faktor Mensch, ICU, Troubleshooting
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Alarm Fatigue: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…

…auch wenn er dann die Wahrheit spricht.

Eine alte Weisheit, die im klinischen Alltag, insbesondere in medizinischen Bereichen mit hohem Überwachungsaufwand, wie in (herzchirurgischen) Operationssälen, Intensive- und Intermediatecare Stationen, von großer Bedeutung ist. Obwohl Alarme uns bei der täglichen Arbeit unterstützen und die Sicherheit erhöhen sind bis zu 90% aller Alarme auf Intensivstationen falsch positiv, also Fehlalarme, auf die man nicht reagieren muss und auf die auch häufig nicht reagiert wird. Aber es sind gerade die Fehlalarme, die eine große Belastung für das Personal und die Patienten darstellen.

Es gibt technische Alarme, die ertönen wenn unsere Überwachungsgeräte unserer
Aufmerksamkeit benötigen, z.B. wenn das Beatmungsgerät oder die ECMO auf Batteriebetrieb wechselt oder die Batterie sich leert und es gibt medizinische Alarme, wenn PatientInnen unsere Hilfe brauchen. Auf Intensivstationen ertönen je nach Studie bis zu 6 Alarme pro Bett pro Stunde was auf einer 22 Betten Intensivstation wie bei uns eine Kakophonie mit über 1300 Alarmen in
einer 10 stündigen Schicht zur Folge hat. Mit zunehmender Technologisierung steigt die Anzahl der Alarme sogar weiter an.

Die Masse an Fehlalarmen löst ein Fehlverhalten des Personals aus, was man als Alarm Fatigue bezeichnet.

Dabei werden Alarmgrenzen in gefährliche Bereiche verstellt, die Lautstärke zu stark reduziert oder auf Alarme gar nicht mehr reagiert. Alarm Fatigue ist laut amerikanischer Quellen für mehrere Todesfälle im Jahr verantwortlich und man schaut sich aus der privaten Wirtschaft, wie etwa von Betreibern von Ölplattformen, ein modernes Alarmmanagement ab, welches die Gefahr des Alarm fatigue reduzieren soll.

Wesentliche Maßnahmen zur Reduktion von Fehlalarmen sind:

  1. individuelle Alarmgrenzen für jeden Patienten
  2. tägliches Wechseln der EKG Elektroden, um den Kontakt zum Patienten zu verbessern und Artefakte zu reduzieren
  3. Training und Sensibilisieren des Personals
  4. Verbesserung der Gerätesoftware

Mögliche technische Veränderungen, die die Anzahl an Fehlalarmen reduzieren würde, wäre z.B. eine Verzögerung der Alarmierung. Ein plötzlicher Anstieg des venösen Druckes in der ECMO, ausgelöst durch Pressen oder Husten des Patientin löst einen lauten Alarm aus, ist aber ein kurzzeitiges Ereignis, das sich von selbst behebt. Ein Alarm, den man sich sparen könnte, würde die ECMO erst alarmieren, wenn der die ECMO sich für längere Zeit angesaugt hat.
Auch wäre eine multivariate Analyse hilfreich, in dem das Gerät erkennt, dass ein
Kammerflimmern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht über einen längeren Zeitraum vorliegen kann, wenn der invasiv gemessene Blutdruck gleichzeitig vorhanden ist. So könnte man EKG-Alarme verhindern wenn Bewegungsartefakte auf der Intensivstation entstehen oder der Chirurg mit dem Elektrokauter das EKG verwirrt. Leider ist die Software noch nicht so gut, wie die MitarbeiterIn vor dem Monitor, die den Patienten kennt.

Eine weitere technische Möglichkeit ist es, im Falle eines Alarms die Bezugspflegekraft individuell und persönlich zu alarmieren. Entweder auf ein Smartphone oder auf spezielle Devices, die von der Pflegekraft getragen werden. Sollte die Pflegekraft nicht auf den Alarm reagieren (können) wird dieser automatisch an die nächste weitergeleitet. Leider sind die Hersteller von
Überwachungsmonitoren wenig flexibel, da Alarme in einer Europäischen Norm geregelt sind und bei Versagen hohe Haftungskosten drohen würden. Daher sind Abstriche bei der Sensitivität zu Gunsten einer höheren Spezifität mit einer Abnahme der falsch negativen Alarme schwierig umzusetzen.

Die Flut an Fehlalarmen zu reduzieren, ist aber dringend notwendig.

Fehlalarme führen nämlich zu Frust und Stress bei den Mitarbeitern und kann in der Folge die Fehlerhäufigkeit erhöhen und allein dadurch bereits Schaden verursachen. Außerdem stören Alarme die PatientInnen auf der Station, in dem sie den Patienten den Schlaf rauben und damit ein Delir auslösten können, was für sich schon ein Risikofaktor für ein schlechteres Outcome ist.
Hilfreich ist es dabei, dem Patienten zur Nachtruhe Ohrenstöpsel anzubieten oder bei Sedierten diese einzuführen. Damit kann der Schalldruckpegel, der vom Patienten wahrgenommen wird, deutlich reduziert und die Inzidenz von Delir reduziert werden. Alarme lösen bei den Patienten aber auch Angst aus und haben durch sympathoadrenerge Reaktionen in der Folge auch negative Folgen auf das Outcome der Patienten. Dies ist am eindrucksvollsten bei Frühchen auf der neonatologischen Intensivstation, die durch Lärm und Stress einen erhöhten Energieumsatz haben und langsamer an Gewicht zu nehmen. Lärm löst auch bei den Mitarbeitern Stress aus und erschwert das Arbeiten und die Kommunikation, empfohlene Richtwerte der WHO zur maximalen Lautstärke auf Intensivstationen werden regelmäßig überschritten.

Obwohl Alarme unsere tägliche Arbeit also unterstützen und der Sicherheit unserer Patienten dienen, ist die hohe Anzahl, insbesondere der Fehlalarme eine große Gefahr, die man nicht unterschätzen darf und es sollte in unserem aller Interesse sein, die Anzahl an Fehlalarmen durch ein schlauen Alarmmanagement zu reduzieren.

 

Wer sich eingehender mit diesem Thema beschäftigen möchte:

  • Lorenz B et al. Alarm-Fatigue – wieviel Alarm verträgt der Mensch? Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2017; 52: 564–570
    Link

 

 

Benedikt Lorenz
Hat nach Tätigkeit als Rettungsassistent und Medizinstudium in Graz seine Ausbildung zum Anästhesisten an der Uniklinik Essen fast beendet. Aktuell arbeitet er auf einer großen anästhesiologischen Intensivstation mit Schwerpunkten in Sepsis, ARDS, ECMO-Therapie und postoperativer Intensivtherapie. Seine persönlichen medizinischen Interessen sind die individuelle Therapie unter Gendergesichtspunkten (Diplomarbeit), Gerinnungsanalyse (Rotem-Fan), Gerinnungsmanagement (Faktorensubstitutionsenthusiast), Hämodynamik (Leg-raise-Tester über Pulmonaliskatheterverwender bis Transösophageale Echokardiografie), Patient-blood manager (der ersten Stunde).

 

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Vielen Dank!

 

Bild: pixabay.com

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