Allgemein, Notfallmedizin
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Strukturoptimierte Notfallmedizin in Australien

In diesem Beitrag darf ich euch die strukturieren Abläufe der Patientenversorgung in Australien näherbringen:

Ein neuer Tag bricht an und das Krankenhaus beginnt erneut zu leben. Die Nicht-Akut Patienten in Area B und und die potenziell bedrohten Patienten in Area A werden der Tagmannschaft in einer kurzen Visitenrunde vorgestellt und zugeteilt. Währenddessen werden alle Personen, die im Schockraum eingeteilt sind mit ihren Pagern ausgepiepst um sich zur „ward round“ zu versammeln – ein tägliches Ritual, bei dem sich in 5 Minuten das Team gegenseitig vorstellt, Material-/Equipment-Themen kurz erläutert und erwartete Patienten auf ein Whiteboard geschrieben werden. Obwohl sich jeder bereits seit Jahren kennt sagt man seinen Namen und die Aufgabe, der man an diesem Tag zugeteilt ist.

Anschließend schreiben die „Scribes“ das diensthabende Personal auf jedes Whiteboard in den Schockräumen. Die Scribes sind Krankenschwestern, welche im Schockraum dazu da sind auf einem eigenen Schreibpult das Geschehen im Schockraum zu verfolgen, alles zu notieren und die Zeiten mitzuteilen. Bei der Übergabe des Rettungspersonals wird alles stichtwortartig von ihnen nach dem ISBAR-Schema auf das Whiteboard geschrieben um es jedem zu ermöglichen auf einem Blick Personal, Patient und Ereignis zu sehen. Ihre Stimmen bei wichtigen Entscheidungen sind genauso wichtig wie die der restlichen Teammitglieder – getroffen werden sie vom Teamleader. Alle Rollen sind klar zugeteilt, die Materialien farblich kodiert und nach dem ABCDE-Schema aufgebaut, sodass sich jeder zurechtfinden kann, selbst wenn man neu ist. Wenn ein Patient in den Schockraum kommt, was entweder bereits präklinisch bestimmt wird, indem er gewisse Kriterien erfüllt oder von der Triageschwester am Eingang festgelegt wird, an der kein Patient vorbeikommt dann läuten die Pager und alle kommen zusammen. Die höchste Stufe ist eine „Level 1“ Aktivierung, wobei hier noch einmal zwischen „Trauma“ oder „Medical Resus“ unterschieden wird. Dabei kommen innerhalb kurzer Zeit Fachärzte aus verschiedensten Abteilungen standardmäßig herbei und erst nach Beurteilung des Patienten werden sie vom Teamleader entlassen, falls ihr Fach nicht benötigt wird. Kurz wird das Team instruiert was einen erwartet, wie der grobe Plan ausschaut und wie er in welcher Zeit umgesetzt wird. Auch mögliche Alternativen werden kurz angesprochen, falls sich der Patient anders präsentiert als erwartet. Sobald der Patient ankommt lautet die erste Frage des Teamleaders an das Rettungsteam, ob irgendwelche akuten Probleme vorhanden sind, wodurch sich die Übergabe verschieben würde, bis der Patient stabil ist. Ansonsten hört jeder in Ruhe der Übergabe zu. Anschließend beginnt das Assessment: Der Airway-Doctor widmet sich zusammen mit der Airway nurse nur diesem Thema, während der Circulation Doctor mit seiner Circ nurse Zugänge etabliert, monitorisiert und Blut entnimmt. Ein Assistenzarzt startet die Anamnese und der Teamleader – ein Oberarzt – beobachtet und zieht die Fäden. Wenn der Fall nicht zu gravierend ist wird der Patient in die Obhut des Assistenzarztes übergeben, wobei jeder weitere Schritt mit dem Oberarzt abgesprochen wird. Die meisten Patienten werden so innerhalb kurzer Zeit komplett beurteilt, gleichzeitig. Sobald ein Assessment fertig ist wird alles kurz zusammengefasst – einerseits für die Scribe-nurse, andererseits als Zusammenfassung für das Team. Es wird darauf geachtet, dass der Patient über alles informiert wird, er alles versteht und keiner, der nichts sagen muss, redet. Während internistisch/neurologisch die ganze Palette von Herzrhythmusstörungen über Sepsis zu Schlaganfall gespielt wird, so ist das Royal Adelaide als ein großes Traumazentrum Endversorger und sieht Stichwunden, Autounfälle und Stürze, was auch invasive Maßnahmen wie RSIs, Thorakotomien, Thoraxdrainagen etc. notwendig machen kann.

Was ist nun der Nutzen einer solchen Patientenversorgung? Letztendlich geht es um Patientensicherheit. Wer noch nie im Schockraum innerlich die Hände über den Kopf geschlagen hat und sich dachte: „was für ein Chaos“, der kann jetzt aufhören zu lesen. „Human factors“ werden in der Medizin berechtigterweise immer wichtiger und in einer stressigen Umgebung wie der Notfallmedizin können Fehler durch Struktur leicht reduziert werden, da die Rahmenbedingungen der Versorgung klar geregelt werden und man sich währenddessen nicht darauf konzentrieren muss. Das kann letztendlich Leben retten. Wie bereits Immanuel Kant sagte, so ist es keine Schwäche zu erwarten, dass die Welt eine bessere wird. Strukturiertes Patientenmanagement in der Notfallmedizin wäre in einer solchen Welt vorhanden und die einzigen, die Systeme effektiv ändern können, sind jene, die darin arbeiten.

 

Michael Eichinger ist erfahrener Rettungsmediziner beim Medicinercorps Graz und beendet in Kürze sein Medizinstudium.

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