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Notarzt im Einsatz(raum): Über meine Zeit in Bosnien 2016. Ein Gastbeitrag.

Gleich vorweg: Dies wird thematisch kein Blogeintrag, der mit Hardfacts oder medizinischen „take home messages“ glänzen kann. Es soll hier ein kurzer Überblick über meinen 3 Monate dauernden Einsatz als Notarzt und Arzt für Allgemeinmedizin im Rahmen des EUFOR Camps in Sarajevo/Bosnien gegeben werden und damit ein Arbeitsumfeld beleuchten, das für mich bis Anfang des Jahres (und vermutlich für viele Leser) bis dato unbekannt war.

 

Als Mitte der 1990er Jahre der Krieg im ehemaligen Jugoslawien beendet war, blieben ausländische Truppen vor Ort, um einen neuerlichen Ausbruch von Kämpfen zu verhindern und in weiterer Folge die Länder, gemäß dem internationalen „Dayton-Abkommen“, zu stabilisieren und ihnen ein eigenständiges Überleben zu sichern. Einen Teil dieser Aufgaben übernimmt die Europäische Union in dem seit 2004 bestehenden EUFOR–ALTHEA Einsatz. Neben vereinzelten peripheren Strukturen, die sich über ganz Bosnien erstrecken, befindet sich die Zentrale in Sarajevo, der geschichtsträchtigen Hauptstadt Bosniens. Im Camp selbst sind derzeit über 1000 Menschen lebend und arbeitend, der Großteil davon einem nationalen Militär zugehörig. Insgesamt kooperieren hier 20 Länder um den Auftrag zu erfüllen, den Hauptteil bildet eine österreichische Gruppe mit etwa 400 Personen, gefolgt von türkischen, polnischen und slowenischen Gruppierungen.

Das österreichische Bundesheer sichert die medizinische Versorgung vor Ort. Im Medcenter befinden sich österreichische Kraftfahrer, die für Krankentransporte verantwortlich sind, Sanitäter sowie Notfallsanitäter und planmäßig 4 österreichische Ärzte, die von einem mazedonischen Arzt unterstützt werden. Das Medcenter selbst bietet Arbeitsräume und Kojen zur Behandlung von ambulanten Patienten mit allen gängigen Medikamenten sowie Instrumentarien. Zusätzlich wurde ein Fahrzeug als Notarztwagen konzipiert, die Ausstattung beinhaltet einen Corpuls Defibrillator sowie einen Medumat zur Beatmung. Für Versorgungen der Peripherie stehen 2 einsatzbereite Notarzthubschrauber (Type: Alouette III) vor Ort, die Versorgung betrifft auch Mitarbeiter der EUFOR in ferner gelegenen Gebieten in Bosnien. Auch die Helikopter sind, was das Equipment betrifft, vergleichbar mit österreichischen Modellen.

Als Arzt mit gültigem Notarztdiplom beginnt die Bewerbung beim österreichischen Bundesheer mit einem Auswahltest, der ein psychologisches Gutachten sowie eine Testung in einem militärischen Bunker zur Sicherstellung der Belastbarkeit (mühsam, keine weitere Stellungnahme dazu) beinhaltet. Nach erfolgreicher Absolvierung und einer definitiven Zusage durch das Bundesheer für einen gewissen Zeitraum (aktuell liegt die Dauer eines Einsatzes zumeist zwischen 3 und 6 Monaten) tritt man als Vertragsbediensteter in die Einsatzvorbereitung. Neben kurzen Informationen über den Einsatzraum werden einige Tage in Aigen im Ennstal bei der Fliegerstaffel eingeplant, während derer man sich den zu Notarzthubschraubern umgebauten Helikoptern annähert: über das Verhalten an Bord eines Helikopters, über das richtige Annähern bei laufendem Rotor, über Ein- und Aussteigen, über die Ausrüstung, über Möglichkeiten der Bergung von Verletzten. Hier werden auch die ersten Trainingsflüge im Fluggeschirr durchgeführt. Man wird an einer Seilwinde zuerst mit, dann ohne Bergretter abgeseilt, wartet auf einem provisorisch eingerichteten Zwischenlandeplatz auf den Bergretter der einen potentiellen Patienten an der Winde zur Versorgung bringt, man lernt dem Team und dem Equipment zu vertrauen.

Obwohl die österreichischen Piloten in Bosnien 24h einsatzbereit sind und auch Nachtflüge durchführen können, hatte ich während meines Einsatzes als Notarzt nur wenige und hier (aufgrund der Nähe der Einsatzorte zum Camp) bodengebundene Einsätze: Neben internistischen Notfällen kommt es aufgrund des jugendlichen Alters der Patienten vorwiegend zu Verletzungen bei militärischen Übungen oder sportlichen Aktivitäten. Dennoch wird gemeinsam mit den Piloten, den Bergrettern und den Technikern an Bord des Helikopters (sie bedienen auch die Seilwinde an deren Leben dann das eigene hängt) für den Ernstfall trainiert.

Hat man also Dienst als Notarzt nimmt man am Morgenbriefing der Piloten mit Meteorologen teil, erhält Informationen über Gefahren- oder Sperrgebiete im Einsatzraum und plant danach, bei akzeptablen Witterungsverhältnissen, ein MedEvac-Training. Per Definition handelt es sich dabei um die Versorgung und Bergung von Patienten aus unsicheren Gebieten. Für internationale militärische Organisationen kommt dieser Art von Evakuierung eine gesonderte Bedeutung zu. Diese Trainings beinhalten beispielsweise Übungen an der Winde, während denen man auf schmalen Bergkämmen, auf verlassenen Seilbahnstützen, auf schwer zugänglichen Gebäuden oder ähnlichem abgeseilt wird. Ein anderes Mal wird ein Soldat geschminkt und als Verletzter präpariert, nach einem Briefing in einem für das Rettungsteam unbekannten Areal ausgesetzt und dann mittels Peilsender von der Mannschaft an Bord des Helikopters gesucht. Neben dem Teamwork während der Peilung, bei dem alle Augen der Crew das Gebiet am Boden nach dem Verletzten absuchen und dies dem Piloten kommunizieren, ist selbstverständlich die in weiterer Folge anstehende Versorgung und korrekte Bergung des Patienten Teil des Trainings. Selten wird das Team des Notarzthelikopters auch in militärische Übungen inkludiert: Als Einsatzmeldung erhält man dann beispielsweise Nachricht von einem Verwundeten mit Stich- und oder Schussverletzungen während laufendem Gefecht. In diesem Fall landet der Helikopter nach Kontakt mit den Bodentruppen relativ rasch in einem Halbkreis, gebildet aus Scharfschützen zur Lagesicherung. Nach Bodenkontakt wird der Verwundete äußerst zügig geborgen und rein provisorisch versorgt, um ihn, bei laufendem Rotor, so schnell als möglich aus der Gefahrenzone zu fliegen.

Als Leitstelle vor Ort dient ein von einem internationalen Arzt geleitetes „Joint Operations Center (JOC)“, das die Alarmierungen entgegen nimmt und dann an Piloten und an das medizinische Personal weitergibt. Die Soldaten sind im besten Fall nach dem METHANE Schema geschult, einem System ähnlich dem „9-liner“ (siehe Bild), um die Informationen über den Unfallhergang und die Art des Einsatzes kompakt an das JOC vermitteln zu können.

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Von Seiten des JOC werden Abläufe des Notarztteams dahingehend trainiert, dass die Zeit von Alarmierung bis zum Start des Rotors bei einsatzbereiter Crew im Helikopter, die Time-to-Fly, gemessen wird. Nachts wird hier eine längere Zeitspanne toleriert als tagsüber, in einem unserer Trainings lag die Zeit bei etwa 7 Minuten, was für die Gegebenheiten vor Ort einen sehr akzeptablen Wert darstellt.

Um die Handlungsabläufe des Teams in Notfallsituationen zu verbessern werden nach Rücksprache mit den Piloten, Bergrettern und Technikern Szenarien in Trockentrainings geprobt. Dabei ist es der Notarzt, der die Szenarien vorgibt und hier das Hauptaugenmerk auf die Integration von allen Teilnehmern legt. Aufgrund der geringen Zahl an Einsätzen kommt diesen Trainings, genau wie den oben beschriebenen MedEvac Übungen, eine hohe Bedeutung zu: An Übungspuppen werden von den Crewmitgliedern Basics wie ALS wiederholt, Abläufe wie Intubation oder die Bergung von Unfallopfern auf Vakuummatratzen trainiert. Gleichermaßen wird darauf geachtet, dass auch medizinische Laien wie Piloten in die Handlungsketten eingebunden werden, um eine rasche und reibungsfreie Versorgung im Ernstfall zu gewährleisten.

Die Tätigkeit als Notarzt im Rahmen des EUFOR-Einsatzes lässt sich allein schon aufgrund der Einsatzzahlen nicht mit NEF/NAW Stützpunkten in Österreich vergleichen. Die Trainings am Helikopter könnten meiner Meinung nach jedoch für viele Notärzte interessant sein und sind auch im Hinblick auf spätere Einsätze auf Notarzthubschraubern in Österreich als eine Art Grundlagentraining hervorragend geeignet.

 

Dr. Roland Feldbauer war von Ende Juli bis Anfang November 2016 in Bosnien im Rahmen des EUFOR Einsatzes als Notarzt und Arzt für Allgemeinmedizin tätig. Zur Zeit ist er im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz als Assistenzarzt an der Abteilung für Innere Medizin angestellt und macht Notarztdienste im Raum Oberösterreich.

 

Letzte Änderung: 26.1.2017

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